Der Randbauer

Bevor wir mit textlichen Erklärungen weitermachen, schauen Sie sich einmal das folgende Diagramm an. Versuchen Sie mit Weiß und mit Schwarz zum besten Ergebnis zu kommen.

 

Wie Sie schnell bemerkt haben dürften, kann Weiß nicht gewinnen, obwohl der König vor dem Bauern steht. Das liegt daran, dass Weiß den gegnerischen König nicht über eine Seite hinweg von der Grundreihe drängen kann. Egal wer am Zug ist, egal welcher Zug gezogen wird, es kommt zu einem Unentschieden. Entweder durch Patt, durch dreifache Stellungswiederholung oder, indem es Schwarz gelingt, den Bauern zu schlagen.

Das gilt für alle entsprechenden Situationen mit einem Randbauern. Wenn der schwarze König vor dem Randbauern steht, gibt es keinen Sieger.

Dieses Wissen ist besonders für Blitzpartien wichtig. Wenn Sie in der oben gezeigten Stellung Schwarz haben, haben Sie einen halben Punkt so gut wie sicher. Es reicht, wenn Sie hin und her gehen (im Beispiel von a8 auf b8 und zurück). Irgendwann haben Sie ein Patt oder eine dreifache Wiederholung erreicht. Mit Weiß könnten Sie auf einen Fehler hoffen, etwa auf Kc8, ist aber unwahrscheinlich. Wenn Sie zeitlich knapp sind, bringt Ihnen das vielleicht auch nicht viel, da Sie noch mindestens 9 Züge zum Matt brauchen. Haben Sie aber Schwarz und Weiß hat nur noch wenige Sekunden auf der Uhr (wichtig: das gilt nur, wenn es im Spiel keinen Increment, also Zeitaufschlag pro Zug gibt), ist Kc8 eine Möglichkeit, über Zeit zu gewinnen.

Nun schauen wir uns Stellungen an, die nicht so eindeutig sind.

 

Auf den ersten, ungeübten Blick, scheint hier für Weiß alles gut zu sein. Der König steht vor dem eigenen Bauern, Schwarz steht zwei Reihen daneben und nicht davor. Doch die Brettgeometrie sorgt erneut dafür, dass es zu einem Unentschieden kommt, egal wer am Zug ist.

Beispiel Weiß:

1. Kh8 Kg6 2. h7 Kf7 Patt

Beispiel Schwarz:

1… Kf8 2. Kg6 Kg8 3. h7+ Kh8 4. Kf5 Kxh7 Remis

 

Wie Sie bemerken: Bei Randbauern gibt es sehr viele Möglichkeiten, dass die Partie Remis endet. In dieser Stellung kommt es darauf an, wer am Zug ist. Bei Schwarz kommt es zum Remis, bei Weiß zu einer Niederlage für Schwarz, sofern der richtige Zug gefunden wird. Dieser lautet: 1. Ke3!

Der Grundgedanke ist einfach: Schwarz muss abgedrängt werden, damit Weiß den Bauern schlagen und durchlaufen kann. Schauen wir uns dafür zwei Varianten an. Hier der Sieg:

 

Und nun das Unentschieden:

 

Sie sehen das Problem: Ke4? drängt den schwarzen König nicht ab. Weiß kann immer noch den Bauern schlagen, aber Schwarz kommt in eine Situation, in der für Weiß keine Umwandlung mehr möglich ist.

 

Schauen Sie sich nachfolgende Stellung an. Weiß ist am Zug. Wie geht die Partie aus?

 

Lösung

Wenn Weiß am Zug ist und genau spielt, endet es Unentschieden.

 

a4, zur richtigen Zeit, zwingt Schwarz zum schlagen. Anschließend kommt der weiße König näher ran und es entsteht eine Situation, wie eingangs beschrieben. Das Schwarz zwei Bauern auf der a-Reihe hat, spielt keine Rolle mehr.

Schauen wir uns eine letzte Stellung an. Wenn Schwarz am Zug ist, endet die Stellung remis. Aber wie geht es aus, wenn Weiß am Zug ist. Welcher ist der beste Zug?

 

Lösung

Zunächst einmal die schlechte Variante. 1. Kc3 führt zum Unentschieden und Weiß hat einen möglichen Sieg in die Tonne getreten.

 

Und nun schauen wir uns an, wie Weiß gewinnen kann:

 

Möglicherweise fragen Sie sich, wie man auf Kb1 kommen soll. 2. b3 verrät es Ihnen. Im Kern geht es zunächst einmal darum, einen Randbauern zu vermeiden. Das heißt: Der Weiße König muss den schwarzen Bauern schlagen, was im vierten Zug geschieht. Das passiert auch in der anderen Situation, aber die Stellung ist dennoch eine andere. In der Gewinnerstellung steht der Bauer auf b3, in der anderen auf b4. Auf b3 hat Weiß die Möglichkeit, vor den Bauern zu kommen. Das ist, wenn Schwarz genau spielt, mit b4 nicht mehr möglich.

Das klingt alles etwas ansträngend, dabei sind die Regeln relativ einfach. Wenn Sie versuchen, einen Randbauern zu vermeiden, stehen die Chancen auf Sieg ungleich höher. Dann müssen Sie es lediglich schaffen, mit dem König vor den Bauern zu kommen.

Ausnahmen der Praxis

Doch es gibt Ausnahmen, wie ich im nachfolgenden Spiel zeigen möchte. Mein Gegner hatte zum Zeitpunkt in allen gängigen Schachmodi zwischen 2000 und 2200 Glicko 2 Punkte sowie eine Erfahrung von mehreren tausend Partien auf lichess. Das Mittelspiel wurde, nach einer soliden englischen Eröffnung, von mir recht holprig geführt, zum Endspiel hin konnte ich aber genug Vorteile erringen, damit es zum Sieg reicht. Einen freien Randbauern!

Der Randbauer wird das Spiel entscheiden. Für den Computer ist dies derzeit nur ein minimaler Vorteil (+0,8) und in der Tat: Die Chancen auf ein Remis stehen gut. Aber wir sind Menschen und versuchen natürlich zu gewinnen. Das Kernproblem ist, dass beide Seiten zu viel Material auf dem Brett haben, was die Berechnungen komplizieren und einen Durchmarsch des Bauern erschweren.

 

Übrigens: Mein Spieler bot mir zweimal Remis an, allerdings stand er aus meiner Sicht nicht mehr so gut. Es gab eine Phase im Spiel, da hätte ich es gerne angenommen, aber der Freibauer war zu verlockend, um es nicht zu versuchen.

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