Wie trainiere ich Schach?

Menschen, die nie Schach gespielt haben, sind der Meinung, man müsse besonders intelligent sein, um gut Schachspielen zu können. Andere wiederum, auch viele Spieler, vertreten die Auffassung, dass man nur oft genug spielen müsse. Die Wahrheit ist, dass beides stimmt und zugleich falsch ist.

Um Schach zu verstehen, braucht man vor allem Interesse und die richtige Begeisterung. Intelligenz im allgemeinen hat damit nicht viel zu tun. Wenn sie sportlich oder gar athletisch sind, werden sie nicht automatisch ein guter Fußballer. Das Schachtalent besteht vorwiegend aus einem einwandfreien Gedächtnis, Mustererkennung und der Fähigkeit taktischer sowie strategischer Planung. Das alles kann erlernt werden. Den einen fällt es etwas leichter, den anderen schwieriger. Man sagt, das herausragende Schachspiel von Bobby Fischer ist das Resultat seines Genies – und mehr als 10 000 Stunden Training.

Schachtraining ist meistens eine individuelle Sache. Manche brauchen dazu einen menschlichen Trainer, der sie anleitet, motiviert und Tipps gibt. Andere wiederum lernen es lieber ohne fremde Hilfe. In den überwiegenden Fällen bringt eine Kombination den größten Erfolg. Der Coach hilft ein bis zweimal die Woche, den Rest der Zeit verbringt man alleine mit den 64 Feldern und seinen Figuren.

Ich gehe davon aus, dass Sie eigenständig trainieren. Die nachfolgenden Denkanstöße und Ratschläge können aber gut als Ergänzung für Vereinsspieler dienen. Ich selbst habe nie in einem richtigen Verein gespielt und hatte nie einen echten Trainer. Dennoch habe ich es zu einer Spielstärke gebracht, mit der ich durchaus zufrieden bin. Es reicht, um gegen den einen oder anderen Vereinsspieler zu bestehen. Das Meiste, was ich über Schach weiß, habe ich mir in einem Alter über 35 angeeignet. Man muss also kein Kind sein, um es auf ein gutes Hobby-Niveau zu bringen, allerdings hilft es durchaus, wenn man jung ist.

Bevor Sie gezielt trainieren, sind zwei Dinge wichtig. Erstens müssen Sie eine Standortbestimmung durchführen. Versuchen Sie, möglichst alle der folgenden Fragen zu beantworten:

  • Welche Spielstärke haben Sie?
  • Wie gut sind Sie in der jeweiligen Spielphase?
  • Wo sehen Sie Ihre größte Schwäche?
  • Wo sehen Sie Ihre größte Stärke?

Um die Fragen beantworten zu können, müssen Sie viel spielen und ihre Spiele auswerten. Nachdem Sie wissen, wo Sie stehen, können Ziele definiert werden. Setzen Sie sich kleine, erreichbare Ziele und einen Termin, wann Sie dieses Ziel erreichen möchten. Wenn Sie ein großes Ziel haben, bauen Sie Zwischenschritte ein. Ein Ziel muss nicht zwangsläufig eine bestimmte Spielstärke sein. Ein Ziel kann beispielsweise daraus bestehen, die Fehlerquote zu senken, schneller zu spielen oder weniger Fehler in der Eröffnung zu machen.

Wichtig: Beziehen Sie Ziele möglichst auf einen Zeitmodus. Wenn Sie beispielsweise 1600 Elo haben möchten, dann definieren Sie auch, ob Sie dies in Rapid, Blitz oder normalem Schach haben wollen.

Eine Schwierigkeit beim Schach ist die Ergebniskontrolle. Sicher, die Spielstärke wird Ihnen Ihr Programm oder entsprechende Plattform anzeigen, aber das ist nur ein kleiner Teil. Sie müssen über Ihre Spiele möglichst viele Daten sammeln. Das klingt mühsam und langweilig, macht aber Ihr Training ungeheuer effizient.

Zunächst einmal sollten Sie sich eine eigene Datenbank aufbauen. Dort sollte möglichst jede Partie landen, die Sie spielen. Egal mit welchem Programm, egal auf welcher Plattform. Jedes Spiel gehört in Ihre eigene, zentrale Datenbank. Wenn Sie das konsequent machen, haben Sie eine vernünftige Basis, mit der Sie arbeiten können.

Um sich im Schach zu verbessern, bedarf es vier Säulen.

  1. Spielen
  2. Analysieren
  3. Trainieren
  4. Schachtheorie

Ihr persönlicher Trainingsplan sollte aus diesen Säulen bestehen. Ich neige dazu, das Spielen zu vergessen, und versinke gerne in der Theorie und in Analysen. Zeitweise hatte das zur Folge, dass ich zwar ungemein viel wusste, aber beinahe Angst vor dem Spielen hatte. Für die richtige Balance kann ich leider keine Wunderformel geben, das müssen Sie für sich herausfinden. Ich kann Ihnen jedenfalls versichern, dass sich das immer wieder verschiebt. In manchen Phasen werden Sie häufig spielen und in anderen viel Trainieren. Das ist völlig normal.

Mein Trainingsplan im Juli 2017 incl. Auswertung.

Im Kapitel »Spielanalysen« gehe ich ein wenig darauf ein, wie man Computeranalysen zu werten hat. Dabei geht es lediglich um die Analysen einzelner Partien. Was sie darüber hinaus betreiben sollten, ist eine Gesamtanalyse und statistische Datenerhebung. Dank Ihrer persönlichen Datenbank ist das auch kein Problem. Folgende Daten sollten Sie erheben:

  • Anzahl Spiele in einem definierten Zeitraum (Beispielsweise pro Monat)
  • Quote von Siegen, Unentschieden und Niederlagen
  • Ø Verlust von 1/100 Bauer pro Zug
  • Durchschnittliche Stärke Ihrer Gegner
  • Die gleichen Daten separat für Weiß und Schwarz
  • Statistiken über gespielte Eröffnungen
  • Wo machen Sie die meisten spielentscheidenden Fehler? (Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel)
  • Wie oft verlieren Sie wegen Matt, Aufgabe oder Zeit?

Der durchschnittliche Verlust von 1/100 Bauer pro Zug (auch Centipawn oder Centibauer genannt) wird leider von den wenigsten Plattformen und Programmen angegeben, ist aber ein sehr guter Indikator für ihre Spielqualität, auf die ich später eingehen werde.

Wenn Sie nur in einem Zeitmodus spielen, war es das schon. Wenn nicht, müssen Sie dies weiter differenzieren. Sollten Sie oft auf Zeit verlieren, geben Sie sich in Zukunft ein paar Minuten mehr und versuchen Sie hier Routine zu bekommen.

Nachdem Sie nun viele Daten haben, geht es an das gezielte Training. An dieser Stelle gehe ich davon aus, dass Sie die Regeln gut beherrschen und auch auf dem Brett erkennen, welche Figuren ungedeckt und/oder angegriffen sind. Wenn dies der Fall ist, gliedert sich das Schachtraining in folgende Bereiche:

  • Eröffnungstraining
  • Taktiktraining
  • Mattaufgaben
  • Endspieltraining

Mein Rat: Taktik und Mattaufgaben sollten Sie immer trainieren. Das Erkennen von taktischen Motiven und Mattstellungen ist ein elementarer Bestandteil, den Sie immer, unabhängig von der Spielstärke, brauchen. Viele Spieler haben ihre Spielstärke alleine durch Taktiktraining entscheidend verbessert, ohne auch nur eine Eröffnung zu lernen oder Ahnung von Endspielen zu haben. Das wunderbare daran ist: Die Aufgaben machen nicht nur Spaß, Sie profitieren von dem Training auch in jeder Phase des Spiels.

Mit Eröffnungstraining sollte man es bei einer Spielstärke unter 2000 nicht übertreiben. Die Grundlagen, die ich auf dieser Seite beschrieben habe, werden Sie lange über Wasser halten. Wenn Sie sich auf ein paar Eröffnungen spezialisieren, die ersten Züge beherrschen und das Konzept dahinter verstehen, reicht das sehr lange aus. Je mehr Sie spielen, umso weniger werden Sie auf unbekannte Varianten stoßen. Wenn dies geschieht, analysieren Sie die Stellung und merken Sie sich die besten Züge.

Endspieltraining ist eine spezielle Angelegenheit. Bevor Sie das mit Programmen Trainieren, sollten Sie sich mit den Konzepten vertraut machen. Zum Thema gibt es einige sehr gute Bücher, die in jeweilige Endspielstellungen untergliedert sind. Nehmen Sie sich immer ein Kapitel vor und üben Sie solche Stellungen. Wenn Sie in der Analyse feststellen, dass Sie eine bestimmte Art von Endspielen, beispielsweise Turmendspiele, oft in den Sand setzen, dann können Sie dies gezielt angehen. Wichtig ist, wie auch bei den Eröffnungen, zunächst die Konzepte zu verstehen. Erst dann folgt die Konditionierung auf Stellungsmuster.

Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen raten, nicht zu lange Spielpausen einzulegen. Wenn Sie ein paar Monate nicht mehr spielen, tun Sie sich schwer und Sie werden feststellen, dass Sie sehr viel vergessen haben und vor allem, dass Ihnen die Routine fehlt. Das ist nicht nur beim Schach so. Vielleicht haben Sie bereits ähnliche Erfahrungen mit dem Lernen einer Fremdsprache gemacht.

Ein Phänomen, das viele Schachspieler kennen, ist Folgendes: Je mehr Sie trainieren, umso schlechter werden sie. Sie pauken Theorie, Trainieren und die Wertungszahl geht runter. Die Ursache ist relativ simpel: Es dauert eine Weile, bis das erlernte so gefestigt ist, dass man es richtig anwendet. Um die Phase zu überwinden gibt es nur einen Weg: weitermachen! Sie dürfen sich von diesem Effekt nicht demotivieren lassen, im Gegenteil. Sie können daran erkennen, dass Sie Fortschritte machen, auch wenn die aktuelle Spielstärke es nicht zeigt. Tatsächlich aber tut Sie es! Da die Spielstärke sinkt, sehen Sie, dass sich mit Ihnen ein Wandel vollzieht. Wenn Sie dran bleiben, werden Sie einen Punkt erreichen, an dem die Wertung stark ansteigt. Ab dann katapultieren Sie sich selbst auf die nächste Ebene.

Lange Zeit habe ich ziemlich chaotisch trainiert. Mal habe ich dies gemacht, Mal das. Selbst als ich eine Serie auf meinem YouTube-Kanal mit dem Namen »Bastians Schachziele« ins Leben rief, um mich zu mehr Struktur zu zwingen, reichte es nicht aus. Ich spiele mit vielen unterschiedlichen Programmen und auf verschiedenen Plattformen. Das hatte das Problem, dass ich keinen genauen Überblick hatte. Erst als ich alles einheitlich in einer Datenbank hatte, bekam ich einen Überblick. Meine Siegquote war mit über 70 % erstaunlich hoch. Ein genauer Blick zeigte aber, warum dies so war. Ich spielte fast ausschließlich gegen deutlich schwächere Gegner. Teilweise tat ich dies unbewusst, aber vor allem weil ich Angst vor Niederlagen und einer schlechten Statistik hatte. Die Tatsache, dass die Statistiken, beispielsweise auf lichess.org, für alle einsehbar sind und mich somit meine YouTube-Zuschauer kontrollieren konnten, lähmte mich vollständig. Mit der einheitlichen Datenbank wurde mir dies, neben anderen Dingen, offenbart und ich konnte strukturiert trainieren. Die Datenbank unterstützte ich durch eine Tabellenkalkulation. Hier erstellte ich monatliche Statistiken meiner Spiele und definierte monatliche Ziele. Das brachte mich weiter voran. Meine Siegquote ging zwar nach unten, dafür wurde ich aber ein besserer Spieler. Selbst ein Magnus Carlsen hat eine Siegquote von nur 43 %. Rund 42 % seiner Spiele enden Unentschieden. Das heißt, dass selbst einer der besten Spieler unserer Zeit 57 % seiner Spiele nicht gewinnt. Lassen Sie sich also nicht entmutigen, sondern seien Sie mutig! Man wird nicht besser, wenn man nur gegen schlechtere Spieler spielt.

Die ausufernden Statistiken hatten nach einer Weile allerdings auch einen negativen Effekt. Durch das Erfassen jedes Fehlers hatte ich schon vor dem Spiel Bedenken, mir meine Statistik zu zerhauen und meine Ziele mit einem miesen Spiel zu ruinieren. Der Frust war ziemlich groß, obwohl ich gleichzeitig ein besserer Spieler wurde. Später stellte ich sogar meinen YouTube-Kanal ein, weil ich nicht laufend meine schlechten Statistiken zeigen wollte. Allerdings war dies nur ein Grund von vielen. Eine Wende bekam ich, als ich eine andere Interpretation der Werte vornahm. Was nach »Schönreden« klingt, ist tatsächlich eine Methode, mit der man näher an die Wahrheit kommt. Wie man dies schafft, erfahren Sie im Kapitel Spielanalysen.

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